Dreiwöchige politische Reise nach Windhoek und Otjiwarango in Namibia 13. September bis 3. Oktober 2010 vom IAK e.V.

Seit 1990 ist Namibia eine postkoloniale Gesellschaft. Die koloniale Inbesitznahme durch Deutschland endete formal 1915 mit der Niederlage der deutschen Kolonialtruppen gegen die südafrikanische Armee. 1920 übertrug der Völkerbund das Mandat für Namibia an Südafrika. Dieses behandelte Namibia als fünfte Provinz und installierte nach und nach sein Apartheidssystem. Ende der 1950er Jahre gründete sich eine Unabhängigkeitsbewegung, 1966 entzog die UNO Südafrika das Mandat, doch erst 1989 zog sich Südafrika aus Namibia zurück.

Die koloniale Besiedelung durch Deutsche und die 75-jährige Apartheidzeit prägen die namibische Gesellschaft bis heute. Auf struktureller Ebene wie auch im Alltag bilden sie den Hintergrund, vor dem aktuelle soziale, kulturelle und ökonomische Konflikte ausgetragen werden. Die namibische Gesellschaft erlebt aber seit 1990 auch Transformationsprozesse, die sich nicht nur auf diese Geschichte reduzieren lassen.
Der inhaltliche Fokus der Reise soll auf die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in einer postkolonialen und Post-Apartheid-Gesellschaft gerichtet sein. Wir wollen fragen, welche gesellschaftlichen Akteure, Repräsentationsformen, Handlungs- und Politikfelder die Zeit nach der Unabhängigkeit hervorgebracht hat und wie diese sich in Politik, Kultur und Alltag bemerkbar machen. In Bezug auf die Kolonialgeschichte interessiert uns, welche Erinnerungspolitiken es gibt und wie das Verhältnis zu Deutschland verhandelt wird.

Das Kernthema der Reise ist die so genannte Landfrage. Die Landwirtschaft ist nach Bergbau und Tourismus der wichtigste Wirtschaftssektor in Namibia. Noch immer ist der überwiegende Teil der kommerziell genutzten Farmen in den Händen weniger und mehrheitlich weißer Farmer_innen, die so ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht behalten, wenngleich sie auch politische Vorrechte abgeben mussten. Seit einigen Jahren wird die Umverteilung des Landes an die schwarze Bevölkerungsmehrheit von der Regierung gefördert. Dieser Prozess verläuft keineswegs konfliktfrei und wird in Namibia breit und vehement diskutiert. Unserer Einschätzung nach werden die Verflechtungen von kolonialem Erbe, postkolonialer Regierungspolitik, Widerstand und veränderten sozialen Gegensätzen in diesen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wahrnehmbar.

Die heute in Regierungsverantwortung handelnde ehemalige Befreiungsbewegung Swapo bewegt sich zwischen der Beibehaltung alter Besitzverhältnisse zur Wahrung nationaler Wirtschaftsinteressen und dem Beheben von ungleicher Landverteilung als Folge der Kolonial- und Apartheidzeit. Gegen die Regierungsrhetorik der nationalen Einheit kommen aus der Herero-Community Forderungen nach Rückgabe ganz bestimmter, traditionell genutzter Gebiete. Die Namibian Farm Workers Union (NAFWU) vertritt die sozialen Interessen von Landlosen und Landarbeiter_innen und kritisiert das Entstehen neuer schwarzer Eliten im Zuge der Landreform. Der symbolische Wert des Verfügens über Land, wirtschaftliche Interessen, postkoloniale Reformpolitik, die Besitzstandwahrung weißer Eliten und die Herausbildung neuer besitzender Klassen treffen hier aufeinander.

Die Partnerorganisation der Reise ist das „Labour Resource and Research Institute“ (LaRRI) aus dem Windhoeker Vorort und ehemaligen Township Katutura. LaRRI ist eine NGO, die die Grassrootsbewegung von Arbeiter_innen und Gewerkschaften mit Bildungs- und Forschungsprojekten in Bezug auf Arbeitsrechte, kollektive Verhandlungen, Affirmative Action und Geschlechtergerechtigkeit unterstützt.

Uns ist das Problem bewusst, als aus Deutschland kommende und mehrheitlich weiße Gruppe am leichtesten Zugang zu weißen Kreisen zu bekommen; wir möchten versuchen, dieser Struktur so gut es geht ein Schnippchen zu schlagen – von der Wahl unserer Partnerorganisation erhoffen wir uns einen ersten Schritt in diese Richtung.