„Die Firmen schlagen Gewinn aus der Unwissenheit der Arbeiter_innen“ – Urantagebau in Namibia

Interview mit Hilma Shindondola, der Leiterin von Labour Resource and Research Institute (LaRRI) in Windhoek, über die Gefahren des Urantagebaus in Namibia.
In Namibia wird seit über 30 Jahren Uran abgebaut. Höchst problematisch ist die Unwissenheit der Arbeiter_innen und der Bevölkerung über die Auswirkungen der radioaktiven Strahlung und der chemischen Wasserverschmutzung durch den Urantagebau. Die multinationalen Konzerne, die in Namibia agieren, leugnen die Gefahren und die Arbeiter_innen haben Probleme zu beweisen, dass ihre Erkrankungen nach jahrelanger Arbeit in den Minen mit der dortigen radioaktiven Strahlenbelastung zusammenhängen.
LaRRI gab 2008 die Studie „Uranium Mining in Namibia – The mystery behind ‘low level radiation’“ heraus. Für die Studie wurden viele betroffene Arbeiter_innen interviewt, um diese Zusammenhänge zu belegen. Einige von den Interviewpartner_innen sind inzwischen an Krebs gestorben.
Für LaRRI und die African Uranium Alliance gibt es nur eine Lösung: „Leave the uranium in the ground.“

Einen Mitschnitt des Interviews findet ihr hier.

Seit wann wird in Namibia Uran abgebaut?

Die erste Uranmine in Namibia wird seit 1976 ausgebeutet. Sie gehört zu dem in Großbritannien ansässigen multinationalen Konzern „Rio Tinto Group“. Die Mine trägt den Namen „Rössing“ und liegt in der Orongo Region, siebzig Kilometer von Swakopmund entfernt.

roessing

Wie seid ihr dazu gekommen, euch mit dem Thema Uranabbau zu beschäftigen?

LaRRI wurde 2008 von der niederländischen NGO Centre for Research on Multinational Corporations (SOMO) angefragt, eine Studie über die Uranindustrie in Namibia zu erarbeiten. Zu diesem Zeitpunkt wusste man in Namibia noch nicht viel über die Gefahren des Uranabbaus.
Der Uranabbau wurde ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Namibia gehörte 2008 zu den fünf am meisten Uran produzierenden Länder der Welt und man hatte das Ziel, Nummer eins zu werden. Das Hauptargument war immer die Schaffung von Arbeitsplätzen, auch wenn es mitlerweile nicht mehr viele Arbeitsplätze in den Uranminen gibt, da die meisten Tätigkeiten mechanisiert wurden. In den 1990er waren es noch 12.000 Arbeitsplätze, inzwischen sind es weniger als die Hälfte und durch die globale Finanzkrise 2008/09 verloren nochmal tausend Arbeiter_innen ihren Arbeitsplatz. Heutzutage arbeiten nur noch zwei Minen: „Rössing“ und „Langer Heinrich“. Aber es wurden von der Regierung viele Erkundungs-Genehmigungen an ausländische Firmen (u.a. aus Australien, Kanada, Großbritannien) erteilt. Diese Firmen kommen aus Ländern, in denen es auch Uranvorkommen gibt, aber die Sicherheitsvorschriften sind dort wesentlich strenger. In Namibia ist jedoch der Schutz für die Arbeiter_innen gering: die Menschen werden nicht befähigt ihre Rechte zu verstehen und für sie einzutreten. Das Hauptproblem ist allerdings, dass die Menschen nicht über die Gesundheitsrisiken informiert werden. Dies ist in Tansania, Malawi und Niger, wo schon seit mehr als vierzig Jahren Uran abgebaut wird, ähnlich.
LaRRI zeigt auf, dass die Firmen aus der Unwissenheit der Menschen Gewinn schlagen. Wenn man mit Managern von den Firmen spricht, erzählen sie viel über Schutzmaßnahmen, Schutzwerte, Schutzkleidung etc., aber es gibt keine Diskussion über die Gesundheitsrisiken. Doch inzwischen sind etliche Krebserkrankungen bei den Arbeiter_innen aufgetreten, die seit Anfang an in den Minen arbeiten und die Arbeiter_innen fragen nach den Ursachen dafür.


Die Uranmine Rössing ist der größte Urantagebau der Welt.

Wie gehen die Firmen mit diesen Krankheitsfällen um? Wo und wie können sich die Arbeiter_innen Hilfe holen?

Die firmeneigenen Ärzte attestierten keine Krankheiten in Bezug auf die Arbeit in den Minen. In einem Fall arbeitete ein Minenarbeiter über zwanzig Jahre dort und als er sich krank fühlte, ging er zum firmeneigenen Arzt. Dieser stellte zwar schwarze Stellen auf seiner Lunge fest, sagte aber, dass das nicht besorgniserregend sei. Dann ging der Arbeiter zu einem Arzt in Capetown (Südafrika), ohne diesen vorher über seine Geschichte zu informieren, und dieser sagte ihm, dass man diese Krankheit nur bekommen kann, wenn man mit Asbest oder Uran arbeitet. Diese Diagnose bestätigte den Zusammenhang zwischen seiner Arbeit und seiner Krankheit.
Doch die Minenbetreiber wissen, wie schwierig es für die Arbeiter_innen ist, diesen Zusammenhang zu beweisen, besonders weil es so lange dauert, bis die Arbeiter_innen erkranken. Auch werden die Fälle häufig nicht in die Öffentlichkeit getragen. Unabhängige Untersuchungen darüber existieren bisher nicht.
Leider haben wir keine einflussreichen Anwält_innen, die sich für die Arbeiter_innen einsetzen. Und in Namibia gibt es kein Gesetz für Gruppenklagen, das ist nicht üblich und das macht es kompliziert.
In den Interviews für die Studie sagen die Arbeiter_innen, dass sie wissen, dass sie bereits krank sind. Sie haben die Firmen nach Kompensation und Unterstützung für ihre Kinder angefragt, aber diese weigern sich, mit der Begründung, dass die HIV-Rate in Namibia so hoch ist und darin die Ursache für ihre Krankheiten zu suchen sei. Auch behaupten die Firmen, dass die Strahlung in den Minen zu gering sei, um gesundheitsgefährdend zu sein. Deshalb nennen wir unsere Studie auch „The Mystery behind low-level-radiation“.
Inzwischen fordern die Arbeiter_innen unabhängige Untersuchungen. Vor allem als ihnen klar wurde, dass sie bei der Arbeitsaufnahme völlig gesund waren (denn ärztliche Untersuchungen waren zur Zeit der Apartheid obligatorisch) und nach zwanzig Jahren von den Firmen aufgrund von Gesundheitsproblemen entlassen wurden.
In diesen Fällen bekommen sie zwar eine kleine Abfindung, aber die Firmen müssen damit auch keine Verantwortung mehr übernehmen, was bedeutet, dass die Arbeiter_innen aus dem Betrieb ausscheiden, vereinzelt leiden und in vielen Fällen verarmt sterben.
Inzwischen bestätigen viele Wissenschaftler_innen den Arbeiter_innen, dass die Ursachen für ihre Gesundheitsprobleme im Zusammenhang mit ihrer Arbeit in der Uranmine stehen.
Mittlerweile gibt es auch eine öffentliche Diskussion über Lungenkrebs. Einige der Arbeiter_innen, die ich interviewt habe, sind an Lungenkrebs gestorben.

Was sind für euch Alternativen zum Uranabbau?

Namibia braucht keinen Uranabbau um sich wirtschaftlich zu entwickeln. Wir haben der Regierung stattdessen vorgeschlagen, in Solar- und Windenergie zu investieren, das wäre eine nachhaltige ökonomische Entwicklung. In einigen Ländern Afrikas, im besonderen in Niger, ist es schwierig, den Uranabbau zu stoppen, weil sie keine anderen Mineralien besitzen. Aber was ist der Preis für diesen kurzzeitigen wirtschaftlichen Vorteil? Uranabbau macht die Menschen krank und verkürzt ihre Lebenserwartungen, es treten mehr Behinderungen auf und Böden und Wasser werden verschmutzt. Sind jedoch die Böden und das Wasser erst mal verschmutzt, ist alles, was du dort anbaust, vergiftet. Und das sind die Gründe, warum wir den Uranabbau ablehnen. Wir sagen: Lasst das Uran im Boden.

Wie will LaRRI weiter vorgehen?

Leider ist es ein Frage der Kapazität – wir haben nicht genug Personal, um die Arbeit fortzusetzen. Im Moment bin ich die Einzige, die zum Thema Uranabbau geforscht hat. Die anderen Kolleg_innen, die auch dazu gearbeitet haben, sind inzwischen nicht mehr bei LaRRI. Aber die Idee ist, weiterhin Druck auf die Regierung und die Firmen auszuüben.
Ich denke, die Firmen, vor allem die seit 1976 arbeiten, haben zu akzeptieren, dass sie die Verantwortung für die Erkrankungen übernehmen müssen. Dass sie wenigstens so ehrlich sind und sagen: „Es tut uns Leid.“ Einfach nur das und dann kann man sehen, wie man weiter macht.
Denn unsere Studie wollte nicht nur die Schuld der Firmen nachweisen, wir wollten auch fragen, wie man die namibischen Arbeiter_innen am Besten gegen radioaktive Strahlung schützt. Aber um ehrlich zu sein, wir wissen inzwischen, dass es keine ungefährliche Dosis radioaktiver Strahlung gibt. Egal wie gering sie ist, die Strahlung ist sehr gefährlich.

LaRRI gehört auch zu der African Uranium Alliance. Was ist die African Uranium Alliance? Welche Ziele und Forderungen vertritt die Alliance?

Die African Uranium Alliance wurde Ende 2009 gegründet. Sie besteht im Moment aus NGOs aus fünf Ländern: Namibia, Malawi, Südafrika, Tansania und Niger. Das Ziel der Alliance ist Aufklärung: Aufklärung für Afrika und Afrikaner_innen über die Gefahren des Uranabbaus. Aber sie wurde auch gegründet, um Netzwerke aufzubauen in allen Ländern der Welt, in denen Uran aus Afrika gekauft wird und die damit für Nachfrage sorgen. Ich denke, manchmal glauben die Menschen in den westlichen Ländern, dass sei ausschließlich ein Problem für Afrika, aber wenn der Abfall bei ihnen abgeladen wird, dann wird es auch ihr Problem. Wir müssen dieses Problem im Ganzen betrachten, ab dem Abbau, der Weiterverarbeitung, über den Transport bis zum Müll. Radioaktivität ist in jedem Stadium gefährlich. Menschen in westlichen Ländern können uns helfen, das Problem in Europa bekannt zu machen und sie sollen versuchen, Druck auf ihre Regierungen und auf die afrikanischen Regierungen auszuüben, um den Uranabbau zu stoppen. Denn Radioaktivität betrifft uns alle und wird uns eventuell alle umbringen. Die Auswirkungen werden nicht überall zur gleichen Sicht sichtbar, aber auf lange Sicht wird es uns alle betreffen. Und wenn wir schon nicht auf unser eigenes Leben achten, so sollten wir doch an das Leben unserer Kinder und Enkel denken.