„Neohistoriker versuchen künstlich die Opferzahlen hochzurechnen“

Besuch auf Hamakari am 28.9.2010.

Am Waterberg, dem Ausgangspunkt des Genozids an den Herero, ist die Vergangenheit in eigentümlicher Weise präsent und abwesend zugleich. In der alten Polizeistation befindet sich heute ein Restaurant mit Swimming Pool. Der deutsche Soldatenfriedhof ist nicht weit und wird von der Kriegsgräberfürsorge Windhoek gepflegt. Ab und an stehen ein paar zerstörte Lehmhäuser neben den Wanderwegen.
Etwa eine halbe Autostunde vom Waterberg entfernt, in der Nähe der Ortschaft Okakarara befindet sich Hamakari, eine Farm, die heute weißen deutschen Farmern gehört. Auf ihr befindet sich die Wasserstelle, an der die Herero vor der Flucht vor den deutschen Truppen lagerten. Auf einem kleinen Soldatenfriedhof liegen bei den Rückzugsgefechten gefallenen Soldaten einer deutschen Abteilung.
Uns interessiert wie weiße Deutsch-Namibier, die heute an diesem Ort leben, mit der Erinnerung an den Genozid umgehen.


Hamakari

Wir werden freundlich aber auch ein wenig misstrauisch empfangen. Die Frage, ob wir Tonaufnahmen machen dürfen, wird verneint. Man habe schlechte Erfahrungen gemacht. Zum Jahrestag des Genozids seien viele Beiträge gesendet worden, bei denen ihnen, so das Farmerehepaar, das Wort im Munde umgedreht worden sei.
Der Besitzer von Hamakari bietet uns an, uns für einige hundert namibische Dollar einen Teil seiner Farm zu zeigen. Er erzählt, seine Frau fährt den Pickup auf dessen Ladefläche wir stehen.Bisher waren unsere Gespräche mit Deutsch-Namibiern meist unangenehm, wenn man auf den Genozid zu sprechen kam. In einer Autovermietung wurde uns einmal mitgeteilt, dass sich dieser Herr Dr. Zeller, gemeint ist Joachim Zeller, der gemeinsam mit Jürgen Zimmerer das Buch „Völkermord in Deutsch-Südwest“ verfasst hatte, die Zahlen der ermordeten Hereros frei erfunden habe. Wir wurden gefragt, wie viele Generationen denn noch Leiden müssten — gemeint waren wohlgemerkt, die sich als Opfer fühlenden Deutschen in Namibier. Verschiedene unappetitliche Referenzen an den Umgang mit der Ermordung der europäischen Juden in der Bundesrepublik folgten. Wir sind also gespannt, aber auch vorsichtig und innerlich angespannt.
Nach einer Viertel Stunde Fahrt stehen wir an einem Wasserloch. Uns wird erklärt, dass hier die Herero lagerten, bevor sie in die Wüste Omaheke zogen. Der Besitzer der Farm spricht über die verschiedene Fraktionierungen innerhalb der Hererobevölkerungen, verweist auf die Kooperation von einigen Hereromachthabern mit den Deutschen und präsentiert insgesamt ein verhältnismäßig differenziertes Bild. Auch seine Darstellung der Kampfhandlungen sind historisch korrekt.
Bemerkenswert sind die Zwischentöne und Auslassungen. Der Schießbefehl Lothar von Trothas kommt in der Erzählung nicht vor. Die Tatsache, dass die meisten Herero eben nicht während der Kämpfe getöt wurden, sondern in der Wüste verdursteten ist zwar richtig. Allerdings wird sie in seiner Erzählung zu einem „Schicksal“, „Unglück“ oder „Tragödie“. Begriffen, die häufig im Vortrag auftauchen und konkrete Verantwortung der deutschen Militärs entnennen. Der Zug in die Wüste wird von ihm explizit als eine freiwillige Entscheidung, als Ergebnis eines tragischen Ratschlusses der Hererero für den das deutsche Militär keine Verantwortung habe, dargestellt.


Auch die Beschreibung der Eigentumsverhältnisse vor der Kolonisierung ist nicht vollkommen falsch und doch verzerrend. So betont unser Gastgeber, dass die Herero kein Konzept von Eigentum an Land hatten und vor allem nomadisch lebten. 1904 sei das Land „menschenleer“ gewesen und erst die Deutschen hätten das Land vermessen und abgesteckt. Seine Schlußfolgerung: „Was die Herero behaupten, stimmte nicht. Das hier ist nicht das Land ihrer Ahnen.“ … und wenn man schon über Gewalt spreche, dann müsse man einmal erwähnen, dass die Herero die Bevölkerung, die schon vorher hier lebte — die Damara und San — selbst gewaltsam vertrieben habe.
Auch zur Opferzahl der getöteten Herero hat der Deutsch-Namibier eine Meinung: Es seien deutsche „Neo-Historiker“, die versuchen die Zahlen „nach oben zu treiben.“ Sie würden damit in die Fußstapfen von Horst Drechsler (einem ostdeutschen Geschichtswissenschaftler, der bereits in den 50er Jahren zum Genozid forschte) und Helmuth Bley (Einem bundesdeutschen Historiker, dem er ebenfalls ideologische Motive unterstellt) treten. Er deduziert aus der Wassermenge, die am Wasserloch auf Hamakari verfügbar ist, dass hier nicht mehr als 25.000 Herero gewesen sein könnten. Mithin, die in der Literatur meist genannte Zahl von 60.000 bis 80.000 Opfern auf Seiten der Herero weit übertrieben sei.

Die Bewältigungsstrategie besteht also in verschiedenen diskursiven Verschiebungen. Zum einen wird die Opferzahl angzweifelt, durch die Bezeichnung als „Neo-Historiker“ sollen Geschichtswissenschaftler, die von einem Genozid ausgehen, diskreditiert werden. Die Verantwortung für das Ereignis wird entpersonalisiert und zu einer akteurslosen „Tragödie“. Die Behauptung, dass das Land „menschenleer“ gewesen sei, impliziert, dass durch die Parzellierungen der deutschen Verwaltung (s. dazu auch den Artikel über den Besuch im Archiv in Windhuk) niemand beraubt worden sei. Ein europäischer Eigentumsbegriff wird gegen eine Vorstellung, in der es Privateigentum als individueller Besitztitel nicht gibt, ausgespielt. Wo es keinen Besitztitel gibt, kann es keinen Raub geben, so die dahinter stehende Logik. Durch den Verweis auf Gewalttaten der Herero gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen werden die deutschen Verbrechen an den Herero relativiert.

Deutsche Interessen im Großen und im Kleinen
Eine implizite Positionierung zur Frage der Enteignung haben wir bereits zu hören bekommen. Doch wir fragen noch einmal nach und erhalten eine überraschende, weil widersprüchliche Antwort auf die Frage, wie man heute mit dem geschehenen Unrecht umgehen solte. Unser Gastgeber stimmt zu, als wir fragen, ob nicht die deutsche Bundesregierung für die Finanzierung der Landreform in Namibia mitverantwortlich wäre. Schließlich habe der deutsche Staat damals große Teile des Landes nach den Aufständen enteignet und an deutsche Siedler verkauft.
Sein Großvater habe selbst das Land erworben und sein gesamtes Vermögen dafür investiert. Diese Entschädigung so wird damit klar, müsse an die weißen Farmer gehen, sollten diese Land an schwarze Farmer abgeben müssen. Die Frage ist nur, wenn es keinen Raub gegeben habe, wieso dann entschädigen? Implizit klingt hier ein nicht ausgesprochenes Unrechtsbewusstsein an, dass sich trotz der beschriebenen Relativierungs- und Umdeutungsstrategien hier andeutet.

Der Besitzer von Hamakari betont allerdings auch, dass solche Überlegungen grundsätzlich in Deutschland politisch nicht gewollt seien. Er habe mit dem damaligen deutschen Botschafter in Namibia, Dr. Wolfgang Massing, darüber gesprochen als symbolische Geste einen Teil seiner Farm als Gedenkort an Hererovertreter zu übereignen. Herr Massing habe ihm aber mitgeteilt, dass dies nicht im Interesse der deutschen Außenpolitik sei, weil auf diese Weise der Eindruck entstehe, dass Ansprüche der Herero anzuerkennen seien. Warum sich der Besitzer der Farm allerdings an diese Empfehlung gehalten hat, bleibt offen.
Stattdessen wurde offenbar ein anderes Modell gefunden. In Okarara soll ein Denkmal gebaut werden — ebenfalls auf einem Stück Land, das unserem Gastgeber gehört.
Der Entwurf sieht eine Statue, die mit einer Mauer aus Marmor umgehen ist vor. Ein typisches Heldendenkmal also. Die Kontrolle über die Form des Erinnerns will der Besitzer von Hamakari allerdings offenbar nicht gänzlich abgeben. Er habe 2004 in einem Workshop zur Gestaltung seine Bedingungen genannt. Es sei dabei vor allem um die Inschrift gegangen. Es dürften mit der Inschrift keine neuen „Emotionen geschürt“ werden. Dies sei von allen Teilnehmenden akzeptiert worden.

Ob das Denkmal je realisiert wird, ist offen. Seit damals sei eigentlich nichts mehr passiert.